Wenn wir unterschiedliche Sprachen sprechen

Dorothea hat eine andere Muttersprache als ihr Mann. So besonders kommt ihr das gar nicht vor, denn: Gehört diese Herausforderung nicht eigentlich zu jeder Beziehung? Was ermöglicht echtes Verstehen? In MOMENT 1/2021 hat sie uns angeregt, darüber nachzudenken.

Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme, höre ich meistens ein fröhliches „Buonasera amore mio“ und dann switche auch ich auf Italienisch um. Seit über zehn Jahren kennen mein Mann Andrea und ich uns jetzt schon und seit ungefähr sechs Jahren reden wir eigentlich nur noch Italienisch miteinander. Oft werde ich gefragt, ob es denn nicht komisch sei, mich nicht in meiner Muttersprache unterhalten zu können. Ob es nicht frustrierend sei, in einer anderen Sprache streiten zu müssen. Ob unsere Gespräche denn dadurch nicht an Tiefe verlieren würden – und so weiter. Meistens weiß ich nicht so richtig, was ich auf solche Fragen antworten soll. Ich kann sie zwar nachvollziehen, aber für uns waren diese Dinge einfach nie Thema. Streiten macht auf Italienisch fast mehr Spaß, da Italiener bezüglich Schimpfwörtern sehr viel Kreativität an den Tag legen, und für tiefe Unterhaltungen geht uns eigentlich nie der Gesprächsstoff aus. Vielleicht hat uns unsere Andersartigkeit sogar dazu angeregt, den jeweils anderen ganz genau zu „erforschen“. Durch die kulturellen Unterschiede hatten wir keine andere Wahl, als offen aufeinander zuzugehen und ganz viele Fragen zu stellen: „Wieso fragst du deine Mama immer um Erlaubnis für alles Mögliche?“ „Wie, ihr trinkt zu fast jedem Abendessen einen Schluck Wein?“ „Sag mal, nimmst du das immer so genau mit der Kochzeit der Nudeln?“ (Bei der letzten Frage wurde mir ziemlich schnell klar, dass sie ein heikles Thema betrifft, über das ich mich AUF KEINEN FALL lustig machen darf.)

Vielleicht hat uns unsere Andersartigkeit sogar dazu angeregt, den anderen ganz genau zu „erforschen“.

Als ich Italienisch gelernt habe, war die Frustration, Dinge nicht so ausdrücken zu können, wie ich es gern wollte, natürlich immer wieder groß. Im Nachhinein gesehen hat das wahrscheinlich unser Feingefühl füreinander gestärkt: Was möchte sie sagen, auch wenn sie gerade nicht die richtigen Worte parat hat? Was zeigen mir seine Gesichtsausdrücke, wenn ich mal was nicht verstehe? Was steht zwischen den Zeilen? Kommunikation ist so viel mehr als nur Sprache. Das bedeutet nicht, dass mir Andrea jeden Wunsch von den Lippen abliest oder dass wir uns immer prächtig verstehen. Natürlich gibt es bei uns auch Missverständnisse und ich verliere ab und an die Geduld. Zum Beispiel frustriert es mich total, wenn es mir schwerfällt, etwas zu erklären, oder wenn ich auf dem Schlauch stehe und Andrea unglaublich langsam ist, herauszufinden, was ich sagen möchte. Aber basiert Sprache nicht sowieso auf Missverständnissen? Wenn ich meinem Gegenüber etwas mitteile, weiß ich eigentlich nie genau, was die oder der andere mit dem Gesagten macht. Wie interpretiert sie oder er es? Ganz sicher kann ich mir dessen nie sein. Eine Frustration, mit der wohl jede und jeder leben muss …

Es kann aufregend sein, herauszufinden, was der andere eigentlich sagen möchte.

Als wir uns vor vielen Jahren in Taizé kennengelernt haben, war mein Englisch nicht besonders gut und Italienisch konnte ich kein bisschen. Andrea konnte kein Deutsch und sein English hatte einen starken italienischen Akzent. Ja, wir haben ganz unterschiedliche Sprachen gesprochen und irgendwie war das spannend. Ich glaube, jedes Paar macht am Anfang die Erfahrung, dass beide nicht die gleiche Sprache sprechen. Jede Person kommt mit ihrer ganz persönlichen Geschichte, ihrer ganz persönlichen Sprache in die Beziehung und es kann aufregend sein, herauszufinden, was die oder der andere denn nun eigentlich sagen möchte. Ich glaube, dass es genau diese Neugierde war, die unsere Beziehung so tief werden ließ. Dabei kam es nicht so sehr auf die tatsächlich gesprochene Sprache an, sondern vielmehr auf die Lust, die Sprache des anderen immer besser zu verstehen, und darauf, das Gefühl, nicht verstanden zu werden, auch mal auszuhalten.

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