Schönstatt und die Liebe …

In MOMENT 2/2021 haben wir Sr. M. Veronika Riechel gefragt, woran man wahre Liebe erkennt und warum diese nicht nur im Leben, sondern auch im Glauben – gerade in Schönstatt – so wichtig ist.

Sr. Veronika, der Kernvorgang in Schönstatt ist das sogenannte Liebesbündnis. Warum war Pater Kentenich, dem Gründer der Schönstattbewegung, die Liebe so wichtig? 

Weil die Liebe die Mitte des Christentums, das Hauptgebot der Christen ist. Und weil sie die tiefste Sehnsucht und zugleich Berufung des Menschen ist. Es gibt uns, um zu lieben. Davon hängt unser Lebensglück ab. Gott lieben – den Nächsten lieben – mich selbst lieben. Mit ganzem Herzen, mit allen Kräften.

Pater Kentenich hat die Frage richtiggehend umgetrieben, wie wir modernen Menschen wirklich zu einer starken mitmenschlichen Liebe fähig werden. Und wie wir Gott nicht nur als eine blasse Idee ansehen, sondern eine echte persönliche und lebendige Gottesbeziehung aufbauen können. Menschen sein, die mit Haut und Haar verliebt sind in Gott, die mit ganzem Herzen an ihm hängen! Eine wichtige Erkenntnis Pater Kentenichs ist zum Beispiel, dass gerade die Erfahrung menschlicher Liebe ein hervorragender Weg ist, um Gott zu lieben.

In früheren Jahrhunderten lehrte man: Je frömmer, desto weniger menschliche Liebe! Pater Kentenich sagt das Umgekehrte: Menschliche Liebe ist keine Konkurrenz zu Gott! Sondern in jeder menschlichen Liebe ist Gott erfahrbar und wird mein Herz aufgeschlossen für die Liebe zu Gott.
Wenn zum Beispiel Kinder erleben, wie ihre Eltern alles für sie geben, dann wächst in ihnen die Ahnung, was es heißt: Gott liebt dich! Oder wenn wir die Gottesmutter herzlich lieben und verehren, die ja ganz Mensch ist, wird unsere Liebesfähigkeit auch Gott gegenüber entfaltet. Viele Menschen haben in der Begegnung mit Pater Kentenich, in der Art, wie er sie geschätzt, geführt, selbstlos für sie gesorgt hat, eine Ahnung von der väterlichen Liebe Gottes erhalten; in ihnen wurde durch diese menschliche Liebes-Erfahrung eine große Gottesliebe entzündet.

Reif werden in der Liebe, das ist der Sinn unseres Lebens. (J. K.)

Ein Kernwort Pater Kentenichs lautet: „Reif werden in der Liebe, das ist der Sinn unseres Lebens.“ Schönstatt will ein Ort sein, wo Liebe gelernt, eingeübt werden kann. Ich habe mich früher öfter gefragt: Wieso muss man Lieben lernen? Kann man das nicht einfach? Nein, kann man nicht. Die Liebe ist wie ein Samenkorn in uns, das wachsen und reifen, aber auch verkümmern kann. Ich denke gern an eine junge Ärztin, die ihre Facharztausbildung für mehrere Jahre unterbrochen hat, um für ihre Kinder da zu sein. Das war auch ein großer persönlicher Verzicht. Sie sagte: Ich mache jetzt Karriere in Sachen Liebe. Und man konnte tatsächlich spüren, wie in dieser Frau eine große positive innere Energie wuchs, die andere aufgebaut hat. Das war ein Mehr an Menschlichkeit.

Beim Lieben-Lernen geht es um zwei „Grundlektionen“, egal, ob die Liebe zu Gott oder zu den Mitmenschen gemeint ist. Erste Lektion: Liebe annehmen können, mich beschenkt erleben, dankbar sein. Wir haben alle schon erlebt, dass uns das nicht immer besonders gut gelingt. Manchmal sind wir nicht offen und merken gar nicht, wenn es jemand gut mit uns meint. Von den ersten Christen heißt es: „Sie haben der Liebe geglaubt.“ Ein tolles Wort! Unsere erste Aufgabe ist also, wach zu sein dafür, dass wir geliebt sind, ganz konkret. Zum Abendgebet eines Schönstätters gehört die Frage:

Welche Liebeserweise habe ich heute bekommen? Manche legen sich dafür ein eigenes Buch an. Die zweite Lektion: Liebe schenken können. Das heißt, den Dreh vom Ich zum Du finden, mein Leben nicht für mich behalten, sondern es für andere investieren und verlieren. Opferbereit, barmherzig, ganz selbstlos. Dafür steht das Kreuz Christi.

Pater Kentenich spricht von einem „Liebesdurst“ der Welt. Was meint er damit und welche Antwort hat er darauf? 

Jeder von uns kommt mit einem ganz existenziellen Verlangen, einem Durst auf die Welt: Ich will geliebt werden, sonst kann ich nicht leben. Liebe ist Lebenselixier. Dieser „Liebesdurst“ ist doch ein schöner Hinweis darauf, woher wir kommen und wohin wir gehen: letztlich von Gott und zu Gott. Gott ist die Liebe. Und als seine Geschöpfe, seine Kinder, sind wir ihm ähnlich: geschaffen, um geliebt zu werden und zu lieben.
Pater Kentenich prägte das Wort vom „Geheimnis der Heiligen“. Etwas frei formuliert ist damit die Frage gemeint, was Menschsein gelingen lässt, was uns Lebensfülle schenkt und glücklich macht, eben heil und heilig. Seine Antwort: Alle Heiligen wurden von dem Moment an heilig, in dem sie sich geliebt fühlten. Und zwar nicht nur so allgemein geliebt als ein Mensch unter Millionen anderen und genauso wie alle anderen auch. Nein: bevorzugt, einzigartig geliebt. Es ist die Erfahrung: Ich bin Lieblingskind Gottes!

Mich beeindruckt immer wieder das einzige Gebet, das uns von Pater Kentenich aus seiner vierwöchigen Dunkelhaft im Gestapogefängnis in Koblenz überliefert ist. Er bittet darin Gott um die Gnade, sich geliebt zu wissen, zu glauben und bisweilen zu fühlen. Im Angesicht des Todes ist diese Bitte sozusagen die „Rettung“: Was soll schon jemand passieren, der in der Liebe Gottes total geborgen ist?

Heimat ist für Pater Kentenich ein „Land“, in dem „Liebesströme sprudelnd quillen – so schreibt er in einem Gebet. Was sind diese „Liebesströme“ und wie kommen sie ins Fließen? 

Pater Kentenich hat eine reiche Bildsprache. Wenn Menschen einander lieben, dann fließt, dann strömt etwas von Herz zu Herz, eine Welle der Zuneigung und Wärme. Das kann man regelrecht spüren. Andersherum: Wenn Menschen nur auf sich fixiert sind, ihren Egoismus pflegen, sich nichts mehr zu sagen haben, wenn sie verbittern und so ihre innere Energie verleugnen, dann „fließt“ nichts mehr, dann gibt es keine positive Ausstrahlung, sondern Kälte.
Das Wort „Liebesströme“ gebraucht Pater Kentenich zuerst, um den dreifaltigen Gott zu beschreiben. Zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist fließen regelrechte Ströme von Liebe. Und diese Liebe teilt Gott uns Menschen mit. Im Gebetbuch „Himmelwärts“ meditiert Pater Kentenich:

Die Liebesströme, das sind die guten Gaben, mit denen Gott und die Gottesmutter uns jeden Tag förmlich überschütten. Wir müssen sie nur sehen – und dann wird es zum Bedürfnis, Gott dafür wiederzulieben, ihn zu loben und zu preisen.

Von „Liebesströmen“ spricht Pater Kentenich auch im Blick auf die Gottesmutter. Sie verströmt den ganzen Reichtum mütterlicher Liebe in „kalte Herzen“. Jeder, der Maria begegnet, wird von ihrer Liebe gewärmt, getröstet, geheilt. Und so fähig, innere Verhärtungen und Verletzungen zu überwinden und Liebe „fließen zu lassen“. Das ist einfach eine Erfahrung, die man nicht erklären kann, die aber schon unzählig viele Menschen machen durften.

Wie wächst man in der Liebe? Können Sie uns ein paar „Liebestipps“ von Pater Kentenich verraten?

Mir gefällt besonders der Dreischritt, den er empfiehlt: Die Liebe wächst, wenn wir „einander anschauen – miteinander reden – füreinander Opfer bringen“. Dieser Dreischritt gilt für die Liebe zwischen Menschen und für unsere Liebe zu Gott.
Alles beginnt damit, dass zwei Liebende Blickkontakt haben, einander wirklich anschauen, wahrnehmen, das Große ineinander sehen. Den anderen nicht übersehen, sondern ihn ansehen. Auch Gott kann ich innerlich anschauen – wenn ich seine Spuren in dieser Welt und in meinem Leben betrachte oder vor dem Tabernakel knie.
Zum Schauen kommt die Kommunikation im Sinn von „sich einander offenbaren“, „sich einander mitteilen“. Es ist das Zusammenspiel von „Zuhören“ und „Reden“, gut werden in der Sprache des Herzens. Pater Kentenich war auf diesem Gebiet ein Meister.
Und schließlich wächst die Liebe durch die Freude, den anderen zu beschenken. Liebende opfern ihre Zeit, ihr Geld, ihre Kraft und nehmen das als das Selbstverständlichste der Welt.

Was meint der Gründer der Schönstattbewegung, wenn er von „kindlicher Liebe“ spricht? Inwiefern schreibt er sie auch Erwachsenen zu? Provokativ gefragt: Will er die Menschen kleinhalten, infantilisieren?

Das sind gleich viele Fragen auf einmal. Zunächst: Die eine Liebe zeigt sich in vielen Facetten: freundschaftliche Liebe, eheliche Liebe, Nächstenliebe und Feindesliebe, Elternliebe, Gottesliebe …
Die natürliche „kindliche Liebe“ zu unseren Eltern ist die Urform der Liebe. Sie ist die Wurzel jeder weiteren Liebe und die ursprüngliche Reaktion und Antwort darauf, dass unsere Eltern uns gernhaben, umsorgen, verwöhnen, verlässlich da sind. Vater und Mutter sind sozusagen alles für ein Kind! Es ist fundamental für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung, dass Kinder wirklich satt geliebt werden. Und schlimm, wenn Kinder das nicht erleben dürfen.

Die „kindliche Liebe“ eines Erwachsenen bezieht sich primär auf Gott. Diese Liebe zu leben, das ist etwas sehr Intimes, meine verborgene Kraftquelle. Nach außen eine starke Frau sein – weil ich vor Gott ein Kind bin. Vor Gott sind und bleiben wir immer Kind, weil Geschöpf.

Wir haben uns nicht selbst gemacht, sondern wir verdanken uns ihm und sind von ihm abhängig. Das Christuswort „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“ heißt auch: Nur wenn ihr so schlicht und stark wie ein Kind der Liebe Gottes einfach glaubt, an Gott hängt, euch ihm anvertraut, ihm all eure Sorgen überlasst, könnt ihr die „Freiheit der Kinder Gottes“ erreichen und als kraftvolle Persönlichkeiten in den Stürmen des Lebens stehen.

Die Psychologie spricht vom „inneren Kind“ im Erwachsenen, vom bleibenden Bedürfnis, dass wir geliebt und umsorgt, anerkannt und bestätigt werden. Ist es auf diesem Hintergrund nicht großartig, dass unser Glaube die Zusage gibt „du darfst vor Gott immer dieses Kind sein, unendlich wertgeschätzt, geliebt, umsorgt, geborgen; du musst nichts leisten; du darfst schwach sein“? Er sieht dich, er liebt dich, er braucht dich! „Kindliche Liebe“ ist nichts Weichliches und Infantiles. Im Gegenteil, sie hat große Kraft. Christus, der ewige Sohn Gottes, hat sich in kindlicher Liebe ganz seinem Vater hingegeben: „Ja, Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Er, Christus, ist der Maßstab kindlicher Liebe.

Wer geliebt wird, hat in gewissem Sinn „Macht“ über den Liebenden. Was können aus Sicht Pater Kentenichs „Sicherungen“ sein, damit es nicht zum Machtmissbrauch, sondern zu einem Verhältnis kommt, in dem die Liebe den Liebenden weiterführt und wachsen lässt?

Liebe ist eine Macht, die nicht manipuliert, sondern freisetzt.

Ja, Liebe ist eine Macht – aber immer eine Macht, die nicht manipuliert, nicht abhängig macht, nicht destruktiv ist, nicht einengt, sondern freisetzt und groß macht. Wenn in einem Verhältnis viel Egoistisches mitschwingt, dann ist es eigentlich keine Liebe. Wenn ich Verantwortung habe, dann darf ich nicht „bedürftig“ oder egoistisch sein, nicht „klammern“. Der Kern wirklicher väterlich-mütterlicher Liebe ist die Selbstlosigkeit, radikale Selbstlosigkeit. Ich will nichts für mich! Natürlich darf ich mich freuen und dankbar sein, wenn mir Liebe geschenkt wird, aber ich erwarte sie nicht, noch weniger fordere ich sie ein. Dann wird eine große, positive Kraft spürbar. Deswegen fühlen wir uns in der Nähe der Gottesmutter auch so wohl: Sie liebt uns ohne jeden Schatten des Egoismus. Ihre Liebe ist reine Akzeptanz, reines Wohlwollen, reine Ehrfurcht vor der Freiheit des anderen. Das weckt die besten Kräfte in uns.

Herzlichen Dank für diese „liebevollen“ Gedanken, Sr. M. Veronika!

Fotos: Alexander Bersch (1), Johanna Denkinger (5), Jule Gärtner (6), Sonstige: privat / Redaktionsteam

Related posts

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.