Ich erkenne dich. Von Nähe und Distanz auf engstem Raum

Das Gespräch mit Lea und Pierre aus der Schweiz hatte noch eine Fortsetzung. In MOMENT 1/2020 – kurz bevor die beiden aus einem kleinen Studio in ihr Tiny House gezogen sind – ging es um die Frage, wie es ist, wenn man nicht mal einfach die Zimmertür hinter sich zumachen kann …

Lea und Pierre, welche Rolle spielt – bei all der Nähe, die ihr in eurer Beziehung lebt und von der ihr uns berichtet habt – eigentlich Distanz? Oder ist euch die gar nicht so wichtig?

Lea: Doch, das ist auf jeden Fall ein Thema. Aber man kann auch Distanz wahren, ohne das räumlich zu machen – also ohne in ein separates Zimmer zu gehen. Wir spüren uns ziemlich gut, so dass ich weiß: Pierre braucht jetzt seine Ruhe. Dann lasse ich ihn und nerve ihn nicht. Wir haben ja immer auch die Möglichkeit, zum Spazieren rauszugehen oder im Garten zu arbeiten.

Pierre: Räumliche Distanz haben wir schon deshalb zwingend, weil wir arbeiten gehen, einer mal Sport macht oder was auch immer. Sie entsteht also automatisch. Was wir aber nicht brauchen, ist Distanz im Sinne von: Wir schließen uns in einem Raum ein und sind weg. Das ist für mich mit einer Zugfahrt vergleichbar: Wenn ich in einem Zug sitze, bin ich grundsätzlich auch allein, selbst wenn das ganze Abteil voll ist. Ich beschäftige mich ja nicht mit den Leuten, sondern gebe meine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung, zum Beispiel in mein Handy oder den Laptop. Ich denke, genauso gehen wir oft mit Distanz um: Wenn ich weiß, Lea guckt einen Film, dann ist sie in dem Moment „weg“. In dieser Zeit kann ich dann ebenfalls etwas anderes machen.

Lea: Und wenn ich in demselben Raum lese, in dem du kochst, habe ich auch nicht das Gefühl, dass du zwei Meter neben mir stehst. Ich fühle mich nicht bedrängt.

Pierre: Für mich stellt sich die Frage: Wie viel Aufmerksamkeit schenken wir einander? Ich finde 10 Minuten, in denen wir einander die volle Aufmerksamkeit geben, viel wertvoller als fünf Stunden, in denen wir irgendwie nebeneinanderhängen und einfach irgendwas machen.

Lea: Es geht darum, ob du den Respekt voreinander wahren kannst. Wer mal eine Woche Ferien mit einem Freund gemacht hat, kennt das vielleicht: dass man irgendwann spürt „okay, jetzt ist es auch mal genug, ich freue mich jetzt einfach auf zuhause, wo ich wieder für mich sein kann“. Das hat ganz viel mit einem persönlichen Raum zu tun, der gewahrt wird. Ich habe im Zusammenleben mit Pierre nie das Gefühl, dass ich mich irgendwie verstellen muss. Ich kann zu jedem Zeitpunkt so sein, wie ich bin, und fühle mich auch angenommen und respektiert, wenn ich gerade mal nicht sprechen möchte oder so.

Es geht darum, ob du den Respekt voreinander wahren kannst.

(Lea)

Pierre: In einer Paarbeziehung musst du dem anderen Freiheit lassen. Klar ist: Wir gehören zusammen und sind zusammen. Aber zugleich sind wir immer noch zwei Personen mit eigenen Vorlieben. Ich glaube, das, was Lea und ich aneinander schätzen, ist, dass wir einander erkennen. Also dass wir merken, wenn der andere Freiraum braucht, und dass er aussprechen darf, wenn er mal raus muss. Bei mir ist das z. B. oft so, weil ich sehr viel Sport mache. Da kann es passieren, dass ich merke „okay, ich muss jetzt einfach raus“, auch wenn wir gerade am Kochen sind. Dann darf ich gehen.

Lea: Das ganz Zentrale in unserer Beziehung ist für mich, dass jeder eigentlich für sein eigenes Glück verantwortlich ist. Ich kann Pierre nicht dafür zur Rechenschaft ziehen, dass ich gerade ausgelaugt von der Arbeit bin. Darauf hat er keinen Einfluss. Da muss ich also eher an mir persönlich arbeiten. Dass jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist, nimmt einem viele Erwartungen ab und gibt viel in die Beziehung hinein. Damit meine ich aber nicht, dass ich Pierre nicht brauche oder so …

Pierre: Ich erkläre das immer anhand eines Balls: Durch die Beziehung mit Lea hätte ich eine „Hälfte“ von mir aufgeben können. Man sagt ja auch: „Das ist meine bessere Hälfte.“ Aber mir gefällt diese Aussage nicht so ganz, weil ich dann eine Hälfte von mir weggeben oder vergessen würde.

Lea: Außerdem würde das ja bedeuten: Wenn ich sterbe oder wenn wir gerade einmal räumlich getrennt sind, ist jeder nur eine „halbe Kugel“ und kommt nicht weiter, sondern bleibt stehen.

Pierre: Deshalb beschreibe ich uns als zwei Bälle, die zusammen auf einem Weg rollen bzw. die zusammen den Weg gehen. Manche Wege gehe dabei nur ich: wenn ich z. B. Sport mache. Und wenn andererseits z. B. Lea ihrem Job nachgeht (und ich meinem), dann ist das nicht meine Welt, sondern dann ist das Leas Welt. Aber wir kommen auch wieder zusammen. So würde ich das beschreiben.

Lea: Wir haben dasselbe Ziel, ne? Oder wir wissen, dass uns die Wege wieder zusammenführen.

Was für ein großes Glück, dass sich in euch zwei gefunden haben, die sich so gut erkennen! Um so etwas zu leben, brauchst du wohl wirklich jemand, der den Traum mit dir teilt …

Lea: Ja. Das ist ein Riesengeschenk.

Pierre: Sonst hätten wir auch nicht geheiratet …

Und dazu kann man euch nur beglückwünschen. Vielen Dank für das Interview, Lea und Pierre!

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