Eine Reise zu mir selbst …

Vier Monate allein in den Bergen

Josefa Leitner ist im Sommer 2018 allein mit ihren zwei Pferden als Sennerin auf eine 600 Jahre alte Alm gezogen. Dort hat die damals 20-Jährige knapp vier Monate die Verantwortung für 32 Jungkühe übernommen. In MOMENT 2/2021 hat sie uns von den Erfahrungen erzählt, die sie in dieser Zeit mit sich und dem Leben gemacht hat.

Fotos: Josefa Leitner

Nach dem Fachabi habe ich überlegt, was ich mit der Zeit, die mir bis zum Beginn meiner Ausbildung zur Mälzerin zur Verfügung stand, anfangen könnte. Wie manch andere ein Auslandsjahr zu machen, kam für mich nicht infrage, denn: Dabei hätte ich mich total verloren gefühlt. Aber ich hatte den Eindruck: Ich muss mal weg von zuhause. Vorstellen konnte ich mir, auf eine Alm zu gehen. Das machen bei uns – ich wohne mitten in den Bergen – einige Leute und auch ich hatte dazu schon immer einen Bezug. In dieser Zeit lernte ich beim Feiern zufällig den Sohn eines Almbauern kennen. Er lud mich ein: „Komm doch zu uns! Wir brauchen jemanden.“ Ehrlich gesagt wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, was auf mich zukommen würde. Ich hatte nur das Gefühl: Das muss ich machen. Auch meine Eltern reagierten gut auf die Idee. Dafür wollten viele andere wissen, ob ich „da oben“ keine Angst hätte. Aber die hatte ich nicht. Vermutlich hat mir diesbezüglich mein Glaube sehr geholfen.

Ich denke, dass ich auf der Alm anders – in einem eigenen Rhythmus – durch den Tag gegangen bin. Es gab natürlich gewisse Eckpunkte: Du musst nach deinen Tieren schauen, den Zaun auf Löcher überprüfen, die Weidepflege machen. Aber du kannst entscheiden, wann und wie du es machst. Konkret bin ich möglichst mit der Sonne aufgestanden. Danach habe ich Feuer gemacht. Das war ganz wichtig, um nicht bis abends eine superkalte Hütte zu haben. Vor dem Frühstück habe ich meistens schon nach den Tieren geschaut. Anschließend habe ich auf der Weide junge Bäume umgeschnitten, Disteln gerupft, Steine zusammengesucht. Manchmal war Gartenarbeit, Holz-Machen oder Stall-Ausmisten dran. Ich bin natürlich auch einkaufen gefahren, denn du hast ja keinen Kühlschrank und musst schauen, was mal mindestens zwei Wochen hält. Oder es kam Besuch … Abends habe ich noch einmal nach den Tieren gesehen oder bin auch mal reiten gegangen. So bringst du einen Tag dann schon herum – und um 9 Uhr abends bist du müde.

Die eigene Innenwelt kennenlernen

Mein Hauptgrund, auf die Alm zu gehen, war schon der Gedanke des Alleinseins und des Mich-selbst-besser-Kennenlernens. Es erst mal mit mir selbst auszuhalten, bevor ich es mit anderen Menschen in meinem Leben aushalte. Ich glaube einfach, dass es wichtig ist, nicht „raus aus der Familie hinein ins nächste behütete Nest“, vielleicht eine Partnerschaft bzw. Ehe, zu gehen, sondern zunächst zu schauen: Wer bin ich eigentlich selbst? Letztlich hast du doch erst dann, wenn du dich um deine eigenen Themen, deine Gefühle und um das kümmerst, was dich hier bewegt, die Chance, einem anderen wirklich zu helfen und ihm zu signalisieren: „Ich sehe dich und nehme mich deiner an.“ Es ist leichter, sich um die Probleme anderer zu kümmern als um die eigenen. Und es ist leichter, auf die Fehler anderer, vielleicht auch auf ihre „Schatten“ und auf das zu schauen, was sie besser können, als bei sich selbst anzufangen. Wegschauen ist immer einfacher und es mag nach außen ganz toll wirken, wenn du ständig die anderen rettest.

Aber wenn das aus dem Motiv heraus geschieht, von dir selbst abzulenken, ist es falsch. So ist es nämlich bei mir gewesen und immer noch manchmal. Sich kennenzulernen, geht, finde ich, am besten, wenn man mal eine Zeitlang allein ist. Dazu wollte ich draußen, in der Natur sein.

Von der Schönheit und der Schwere des Alleinseins

Letztlich war das Alleinsein für mich dann das Schönste und das Schlimmste zugleich: Wenn es zwei Wochen am Stück regnet, kommt dich niemand besuchen und du sitzt in der Hütte fest. Da wird man sich manchmal selbst überdrüssig. Du hast keinen Fernseher und auch sonst nichts, um dich von dir selbst abzulenken. An einer Stelle der Alm hatte ich guten Internetempfang. Manchmal habe ich dann am Handy gestanden und versucht, Instagram zu laden, weil es mich so genervt hat, immer präsent sein zu müssen. Die Gefühle waren auf der Alm einfach so intensiv, manchmal kaum auszuhalten. Dich bewegt extrem viel, auch wenn um dich herum nicht viel los ist, nicht ständig Lärm herrscht oder Meetings sind, denn: dein Inneres bewegt sich dann ganz stark – und wenn du allein bist, musst du hinhören. Manchmal musste ich schon Mut aufbringen, hinzuschauen. Damals habe ich mir aufgeschrieben:

„Alleinsein heißt auch, zu lernen, mit den eigenen Schatten zu leben. Zu lernen, die eigenen ‚Fehler‘ hinter der Fassade einzugestehen, und doch Heilung zu erfahren, da niemand außer einem selbst da ist, um darüber zu richten. Denn Gott richtet nicht. Alleinsein heißt, zu erfahren, dass hinter all den Schatten und Fehlern Göttliches liegt. Zu erfahren, dass Glück eine Emotion ist, die der Seele innewohnt, eine Emotion, die nur kurzfristig käuflich ist. Ist wahres Glück überhaupt käuflich?
Die tiefen Gefühle eines Menschen, also sich selbst, wertfrei anzunehmen, erzeugt ein Gefühl von Lebendigkeit. Wenn man die Emotionen ständig unterdrückt, lässt einen das kühl und leblos, ja, fast lebensmüde werden. Ich glaube, daraus entsteht auch diese Jagd nach dem nächsten Kick und immer dieses Höher, Schneller, Weiter. Weil man ablenken will vom Inneren und von dem, was einen wirklich bewegt, wenn man ganz ehrlich mit sich ist. Alleinsein, dieses Sich-selbst-Kennenlernen, bedeutet vielleicht, mit den eigenen Schatten zu leben. Vor allem: sie zu erleben. Das Kennenlernen der ‚Innenwelt‘, der eigenen Welt, als Reise anzusehen und letztlich als selbstBEWUSSTER, als bewusster Mensch hervorzugehen.“

Sinnfragen …

Mich beschäftigt schon lange die Frage nach dem Sinn. Auf der Alm ist mir bewusstgeworden, dass der Sinn des Lebens das Leben selbst ist. Das hört sich vielleicht banal an. Aber was ist wirklich wichtig im Leben? Ich glaube, dass das das Leben selbst ist und das Bild, das Gott sich von einem gemacht hat. Dieses Bild kommt zum Ausdruck, wenn man tut, was dem eigenen Herzen, der Seele entspricht und was das Feuer, die Leidenschaft weckt. Das ist das Leben – dieser Fluss! Es ist schwer zu beschreiben. Auf jeden Fall finde ich, dass unser Körper, unser Geist, unsere Seele wunderbare Werkzeuge sind, die wir als Geschöpfe, als Kinder Gottes, mitbekommen haben. Klar, manche Menschen sehnen sich nach einem großen Sinn in ihrem Leben. Aber ich meine, das große Ganze ist das, wozu wir – wie ein Zahnrad – unseren Teil beitragen können (auch wenn das Bild vielleicht ein bisschen mechanisch ist). Ich denke einfach nicht, dass der Einzelne ersetzbar ist, sondern: Jeder macht das Ganze perfekt – in sich.

Was ist wirklich wichtig im Leben? Ich glaube, dass das das Leben selbst ist und das Bild, das Gott sich von einem gemacht hat.

Wie kommt man dem auf die Spur, was einem selbst entspricht? Ich glaube, das ist eine Reise. Ein Weg ist für mich dieses Sich-selbst-Wahrnehmen. Die Dinge, die in einem vorgehen, bewusst zu fühlen. Dazu gehört natürlich, möglichst bewusst im Moment zu leben. Der Alltag und die Dinge, die wir immer wieder wiederholen – Abspülen oder solche Sachen –, sind ja oft das, was auf uns lästig wirkt. Aber es kann meditativ sein, wenn man es bewusst tut. Bewusst und im Moment zu bleiben, war auf der Alm einfach. Die schöne Natur, die Tiere: All das zwingt dich dazu. Dort bist du aus dem Alltag raus und gefühlt freier – gerade von dem Optimierungszwang. Allerdings hat es richtig Zeit gebraucht, bis ich da heraus war: In den ersten drei Wochen habe ich zwölf Stunden am Tag gearbeitet und immer geschaut „was kann ich noch tun?“. Immer dieses „Machen“. Mein Landwirt hat mir keine Vorgaben gemacht, sondern höchstens gesagt: „Das und das könntest du mal machen“ und: „Das passt schon.“ Im ersten Moment war das schlimm für mich, denn: Da ist mein Perfektionismus durchgekommen. Ich wollte ihn nicht enttäuschen. Aber nach den drei Wochen habe ich gemerkt, dass es wirklich passt. Insgesamt denke ich: Das Hamsterrad erfasst einen hier unten, jenseits der Alm, leichter, aber es liegt schon an einem selbst, ob man sich ihm hingibt. Das hängt an Fragen wie: Wie frei fühle ich mich in mir? Wie frei bin ich vielleicht auch von Glaubenssätzen? Wie gut kenne ich meine Gefühle und warum tauchen diese Gefühle auf? Habe ich alte Muster, alte Verletzungen, die ich noch nicht vergeben konnte?

Frei sein kann man eigentlich bloß im Herzen. Insofern würde ich zu eurer Frage, ob es aus meiner Sicht so eine „Extremerfahrung“ braucht, sagen: Jein. Ich glaube, mit einer solchen Erfahrung ist es leichter, denn du zwingst dich im Alltag selten dazu, hinzuhören auf das, was in dir vorgeht. Da oben zwingen dich quasi die Umstände.

… göttlicher Wesen, die erfahren, Mensch zu sein

Ich glaube einfach: Das Glück, die Wahrheit findest du nicht im Außen. Sondern das schaffst du nur, wenn du dich auf dich selbst und auf Gott zurückbesinnst.
Darüber, wer Gott für mich ist, habe ich lange nachgedacht. Für mich steht er nicht an erster Stelle in dem Sinne, dass man ihm Zeit einräumt, so wie: „Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche und der Rest ist mir egal“ oder „Da mache ich fünf Minuten für Gott und den restlichen Tag denke ich an andere Dinge“. Sondern alles, jeder Atemzug und auch das Innerste eines Menschen, hat mit Gott zu tun. Gott ist um uns, in uns, in jedem und doch alles und überall. Ich weiß: Es ist im Alltag nicht immer leicht, diesen klaren Kontakt zu ihm und dem Leben zu halten. Aber der Moment, in dem man sich wieder erinnert, ist schön.
So ist Spiritualität für mich auch nicht etwas, wohin man sich vor dem Alltag flüchtet, sondern ich glaube: Den Alltag zu meistern und zu leben, das ist wahre Spiritualität. Manchmal habe ich das Gefühl, manche Leute „betreiben“ Transzendenz, indem sie versuchen, einen menschlichen Körper durch Meditation usw. auf eine spirituelle, göttliche Ebene zu heben. Aber ich glaube, es ist eher andersherum: Die Transzendenz besteht darin, dass wir göttliche Wesen sind, die die Erfahrung machen, ein Mensch zu sein.

Almzeit im Alltag: bewusst leben

Lange hat mich die Frage beschäftigt, wie ich es schaffe, die Alm so ein bisschen in meinen Alltag mitzunehmen. Ich war richtig traurig bei dem Gedanken, dass die Almzeit – und damit womöglich dieses intensive Leben – irgendwann vorbei ist. Aber das passiert nicht, habe ich festgestellt. Damals habe ich aufgeschrieben:

„Ich befinde mich auf einer Reise zu mir selbst, dachte ich am Anfang. Doch dass das in Wahrheit eine Reise ins Leben ist, hätte ich [vor der Almzeit] nicht gedacht. Der Weg führt durch Gott ins Leben und die Reise wird vermutlich mein ganzes Leben andauern. So intensiv und so gewaltig wie hier oben spürt man´s sonst selten, das Leben und Gott. Ich wünsche mir, dass ich die Verbindung zur Natur und zu Gott, zum Leben, die Intensität, mit der die Tage hier oben einhergingen, irgendwie in meinen Alltag daheim integrieren kann.“

Ach, ich glaube, das wäre einfacher, als wir denken, wenn wir mehr leben würden. Wenn man mich fragen würde, wie man es schafft, „ganz da zu sein“, würde ich deshalb wirklich sagen: die Dinge möglichst bewusst machen und vielleicht auch den Mut haben, hinzuschauen. Sich mit sich selbst und mit dem, was einen ausmacht, zu beschäftigen. Das war für mich die große Veränderung – und es ist egal, ob man das auf der Alm betreibt oder woanders. Bewusste Atmung hilft mir sehr, im Moment anzukommen.

Und die Tiere, gerade mein Pferd. Außerdem das Hinfühlen: die Gefühle, die hochkommen, nicht einfach zu ignorieren, auch wenn sie manchmal nicht schön sind. Aber nur, wenn du die „Schatten“ würdigst, kannst du auch das „Licht“ in dir selbst spüren.

Letztlich glaube ich, dass es eine Art Raum in einem selbst gibt, in dem der Friede ist und in dem man zur Ruhe kommen kann. Aber diesen Ort muss, nein, darf man erst finden. Dabei hilft mir auch Input – ein schöner Text aus einer Zeitschrift oder einer wie die auf eurer Homepage, eine Meditation, Menschen, die mir immer wieder eine Inspiration geben … Es ist eine Reise.

Und wir danken dir, dass du uns an dieser Reise Anteil gegeben hast, Josefa!

Das Herz kennt nicht die Angst, zu versagen. Es findet immer einen Weg. Es ist der Weg. Das Leben ist der Weg.

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